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Themenabende » Religion und Staat in Israel

erstellt am: 23.03.2012 von: Peter Morf

In Israel ist das Problem von „Religion und Staat“ im Grunde ein Problem von „Religion, Nation und Staat“, da für die jüdische Bevölkerungsmehrheit jüdische Religion und jüdische Nationalität nicht zu trennen sind. Obwohl weltliche Sozialisten (Zionisten) die israelische Unabhängigkeits-erklärung verfasst haben, ist dort die Rede von der „religiösen und nationalen Identität“ des jüdischen Volkes, seinen Gebeten, von der Bibel sowie vom „Felsen Israels“ (Zur Yisrael), einem traditionellen Synonym für Gott. In Israel sind viele nationale Symbole religiösen Ursprungs. So entsprechen beispielsweise die blau-weißen Farben der Staatsflagge den Farben des Gebetsschals (Tallit).

Fast alle offiziellen Feiertage sind jüdisch-religiös, obwohl einige auch eine weltlich-nationale Bedeutung haben. So wird an Pessach die nationale Befreiung von der Sklaverei in Ägypten gefeiert und an Chanukkah (oder Lichterfest) ist ein acht Tage dauerndes, jährlich gefeiertes jüdisches Fest zum Gedenken an die Wiederein-weihung des zweiten Tempels.

Da Nation und Religion so eng verbunden sind, ist eine völlige Trennung von Religion und Staat in einem jüdischen Nationalstaat kaum denkbar. Die jüdische Religion erfüllt auch eine integrative Funktion, da sie westlichen (Aschkenasim) und orientalischen (Sephardim) Juden ebenso gemeinsam ist wie die Überzeugung, dass das Überleben des jüdischen Volkes in der Diaspora der jüdischen Religion zu verdanken war.

Trotz der integrativen Funktion der Religion geht von ihr auch eine Spaltungswirkung
aus. Innerhalb der Bevölkerung können fünf Hauptgruppen unterschieden werden –
die sich alle als Teile des jüdischen Volkes ansehen, aber in ihrer Religiosität und Weltanschauung völlig verschieden sind.

Die agnostisch oder atheistisch eingestellten Weltlichen (ca. 25 Prozent) wollen einen säkularen Staat und unterstützen einen Staat, in dem die Religion „privatisiert“ ist. Sie treten für einen Staat nach westlichem Muster ein.

Die größte Gruppe stellen die Traditionalisten (40-50 Prozent), die die Konzeption eines völlig weltlichen Staates und einer Trennung von Staat und Religion ablehnen. Sie unterstützen den Status Quo. Keine Zivilehe, keine legale Anerkennung der konservativen und progressiven Reformströmungen des Judentums, keine Einfuhr von nicht-koscherem Fleisch. Eine weitere Theokra-tisierung des Staates lehnen sie aber ab. Ich komme auf den Status Quo nochmals zurück.

Die Nationalreligiösen (15-20 Prozent) wollen einen jüdischen Staat im religiösen Sinne. Sie sehen in der Errichtung Israels die Hand Gottes, in der Staatsgründung den Anfang der Erlösung. Schrittweise soll nach ihrer nationalreligiösen Weltan-schauung ein religiöser Staat entstehen mit der Halacha (hebr.; Gehen, Wandeln; das religiöse Gesetz) als Verfassung und Gesetz des Landes. Sie unterstützen die Verabschiedung von immer mehr religiösen Gesetzen durch die Knesset. Nicht-religiöse Gesetze akzeptieren sie nur, solange sie der Halacha nicht entgegen-stehen. Wie andere zionistische Strömungen haben die Nationalreligiösen die Staatsgründung befürwortet, kritisieren die Diaspora als Exil (hebr.: Galut) und streben die „Heimkehr“ aller Juden an. Heute unterstützen die meisten National-religiösen die Konzeption eines Israel in seinen historischen Grenzen und sind deshalb unter den Siedlerinnen und Siedlern in der Westbank und im Gaza-Streifen stark vertreten.

Die Ultra-Orthodoxen (hebr.: Charedim) (ca. 10 Prozent), sind die extremste religiöse Gruppierung. Sie sehen in Israel keinen jüdischen Staat und waren auch gegen seine Gründung durch die zionistische Bewegung. Allein Gott und der Messias und nicht die zionistischen „Häretiker“ hätten ihrer Meinung nach die Aufgabe, den jüdischen Staat wieder zu gründen. Die meisten Ultraorthodoxen nehmen trotzdem an Wahlen teil und sind durch Parteien in der Knesset vertreten, die sogar den Regierungskoalitionen angehören. Sie akzeptieren aus pragmatischen Gründen den Staat, den sie gleichzeitig ideologisch ablehnen. Denn sie benötigen staatliche Gelder, um ihre nicht-staatlichen Schulen zu finanzieren. Außerdem können sie nur durch politische Einflussnahme verhindern, dass ihre Söhne im Rahmen der Wehr-pflicht in die Armee eingezogen werden. Nach offizieller Lesart lehnen die Ultra-Orthodoxen den Militärdienst ab, da sie sich dem Studium der Thora widmen müssen. Tatsächlich liegen dieser Haltung aber die Ablehnung des „zionistischen“ Staates und die Befürchtung zugrunde, ihre Söhne könnten in eine „sündhafte“ weltliche Umgebung gelangen.

Dass dies Sprengstoff beinhaltet, liegt auf der Hand:
Dazu ein paar Beispiele aus aktuellen Zeitungsberichten der letzten Tage/Wochen:
(NZZ 13. Februar: Das Ringen um die Seele der israelischen Nation)
Zitat:
„Vor einiger Zeit waren in Israel zwei Ereignisse zu beobachten, die scheinbar in krassem Widerspruch standen, bei näherer Betrachtung aber sichtlich ein und derselben Wurzel entsprangen: Am israelischen Gedenktag für die Gefallenen sah man auf den Fernsehbildschirmen fromme Juden, darunter auch Talmudstudenten, die beim Aufheulen der Sirenen demonstrativ weitergingen, statt zu Ehren der gefallenen israelischen Soldaten für zwei kurze Schweigeminuten innezuhalten. Diese symbolische Verweigerung war kein Leugnen oder Geringschätzen, sondern eine klare religiöse Aussage: Nicht die Nationalität bestimmt unsere Sitten und Gebräuche, sondern allein die Thora des Volkes Israel. Und da die religiösen Bestimmungen keine Sirenen und Gedenkminuten vorsehen, schenken wir diesen keine Beachtung. (Um die Toten trauern wir nach unseren Traditionen, und während der Schweigeminuten gehen wir absichtlich weiter, um klar zu zeigen, dass wir allein der Thora gehorchen und nicht den Geboten eines von Menschen geschaffenen nationalen Ethos.

Das zweite Ereignis:
Ein paar Tage später veranstalteten religiöse Siedler eine gewaltsame Massen-demonstration auf einem Hügel in Samaria, um die Armee daran zu hindern, ein als Aussenposten errichtetes Gebäude abzureissen. Wild entschlossen schwenkten sie Nationalflaggen und klammerten sich an den Boden.

Auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Szenen: hier die strikte Weigerung, an einem schlichten Akt kollektiven, nationalen Gedankens teilzunehmen, dort der glühendste Nationalismus mit dem klassischen Anliegen jeder Nationalbewegung, Heiligung der Heimaterde als oberstem Gebot. Da fragt man sich etwas konsterniert: Diese wie jene sind gläubige Menschen, beide vertrauen auf die Thora. Wie können derselben Thora, denselben Talmud- und Mischna-Texten, denselben Gebeten und Religionsgesetzten derart widersprüchliche Haltungen entspringen, nicht etwa zu strittigen Tagesfragen, sondern zu den wichtig-sten Themen, die das Herz der Nation berühren? Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch eine klare Verbindung zwischen der antinationalen Einstellung der Ultra-orthodoxen und der glühend nationalen Einstellung der Nationalreligiösen. Beide Gruppen handeln nach demselben Grundsatz: Israel ist keine Nation ausser in seiner Thora. Die Nation hat nur dann Sinn, Bedeutung und Inhalt, wenn sie ihr Handeln an den Gesetzen der Thora ausrichtet. Wenn das ganze Land Israel heilig ist, dann ist der Verzicht auf einen Teil des Landes ja nicht nur eine irrige nationale Entscheidung, sondern eine religiöse Verfehlung, wie es das Stillstehen während der Gedenkminuten für den ultraorthodoxen Juden ist. Israel ist keine Nation ausser in seiner Thora wird für den religiösen Menschen zum Grundsatz seines Handelns, wobei die Religion jeder widerstreitenden nationalen Konvention vorgeht. Früher konnte man den Versicherungen der Siedlerführer Glauben schenken, dass kein Siedler sich je an einem israelischen Soldaten vergreifen werde. Jetzt sehen wir fanatische Siedlergruppen bereits die Hand gegen Soldaten erheben, Sabotage an Militärfahrzeugen und andere gefährliche Akte der Provokation begehen und wir sehen die Ultra-Orthodoxen ihre Attacken gegen die Säkularen verstärken. Das Besorgniserregende ist, dass eine Verbindung zwischen den Verhaltensnormen der Beiden Gruppen entsteht.
Für die Haltung gegenüber den Palästinensern eine klare, katastrophale Einstellung. Auch ein gutes Beispiel dafür, wie Religion die Politik eines Landes beeinflusst.

Ein weiteres Beispiel religiösen Fanatismus:
(NZZ 2. März: Immer mehr religiöse Offiziere in der israelischen Armee)
Zitat:
Die israelische Armee ist eine der wenigen Institutionen des Landes, die von fast der gesamten Bevölkerung geachtet werden. Bis auf die israelischen Araber und die ultraorthodoxe Bevölkerung leistet fast jeder Jugendliche mindestens 3 Jahre bzw. 2, wenn es sich um Mädchen handelt, obligatorischen Wehrdienst. Neben dem Wehr-auftrag erfüllt die Armee aber auch soziale Aufgaben. Sie dient seit Jahrzehnten als Prüfstein für die Gleichberechtigung der Geschlechter, als Ort der Begegnung für Arme und Reiche, als Mittel zur Eingliederung von Neueinwanderern aus allen Teilen der Welt. Augenfällig ist auch, dass es mit der Gleichberechtigung der Frauen in den vergangenen Jahren besser stand. Dienten die Frauen früher meist als Sekretärin-nen und Helferinnen, absolvieren heute bereits Frauen teilweise Dienst in sehr ver-antwortungsvollen Posten wie z. B. dem Nachrichtendienst. Viele sind aber auch in kämpfende Truppen integriert. Im letzten Kurs zur Pilotenausbildung lag der Anteil junger Frauen bei der Beförderung bei 15 %. Vor einigen Monaten ernannte der neue Generalstrabschef erstmals eine Frau zur Generalin.

Nach Jahrzehnten des Fortschritts droht nun aber ein katastrophaler Rückschritt. Religiöse Kräfte versuchen ihren Einfluss in der Armee geltend zu machen. Wie im zivilen Leben, wo gewisse Gruppen ultraorthodoxer Juden Frauen aus dem öffent-lichen Leben verbannen wollen, gibt es in jüngster Zeit auch in der Armee Tenden-zen, Frauen zu verdrängen. Zum Beispiel weigerten sich religiöse Soldaten und Offiziere, an Zeremonien teilzunehmen, an denen Soldatinnen im Chor singen. Nach orthodoxem Verständnis ist es Juden verboten, eine Frau singen zu hören. Bedenklicher wird beurteilt, dass überproportional viele junge Männer, die heutzu-tage bereit sind, mehrere Jahre ihres Lebens der Armee, insbesondere der Infanterie zu Verfügung zu stellen, religiöse, zu einem bedeutenden Teil aus Siedlerkreisen stammende Zionisten sind. Es sind wohlerzogene und gebildete Jugendliche, oft aus der offiziellen Siedlerbewegung, die sich aus bibilisch inspiriertem Patriotismus jahrelang dem Staat und seiner Armee zur Verfügung stellen. Nach ihrer religiös-nationalistischen Auffassung sind die besetzten Gebiete ein natürlicher, durch göttliches Recht gegebener und auch mit Gewalt zu verteidigender Teil Israels. Das führt zu schwierigen Konfrontationen. Sie werden zwischen religiösen Gesetzen und demokratischen Prinzipien, zwischen Edikten gewisser Rabbiner und Befehlen der Vorgesetzten lavieren müssen. Denken wir nur an etwaige Evakuierungen von Siedlern aus ihren Heimen. Im Moment sind religiös-zionistische Einstellungen noch ein Hinderungsgrund für höchste militärische Chargen und Ränge. Mittelfristig werden aber viele der heutigen Rekruten und subalternen Offiziere die oberen Ränge einnehmen. Armee und Regierung haben da schwierige gesellschaftliche und militärische Fragen zu lösen. Ein ähnlicher Trend ist übrigens auch bei der Polizei auszumachen.

Einige Stichworte zur Diskriminierung von Frauen:
Das Verbot, Frauen zu fotografieren oder abzubilden (Auf Werbeplakaten sind nur noch Männer), dies in verschiedenen Städten und Gebieten.
Der Anblick unzüchtiger Darstellungen ist orthodoxen Juden ebenso verboten wie die Lektüre des einschlägigen Vokabulars. Das geht so weit, dass orthodoxe Zeitungen keine Fotos von Politikerinnen abdrucken, obwohl sie vollständig bekleidet sind.
Männer und Frauen werden in der Öffentlichkeit immer öfters weitgehend getrennt (z.B. in Bussen, wo Frauen hinten sitzen müssen etc.).
Eine 8jährige Schülerin aus religiösem Hause wird wegen angeblich nicht züchtiger Kleidung auf dem Schulweg bespuckt.
Soldaten verweigern den Befehl von weiblichen Vorgesetzten usw. usw.

Durchgesetzt werden diese Regeln teilweise durch extremistische Schlägertrupps.

Historisch gesehen standen Demokratie und Religion in vielen Ländern in einem Spannungsverhältnis. Nachdem im liberalen Westen die Demokratie die Oberhand gewonnen hat, existiert in allen westlichen Demokratien das Grundrecht auf Religionsfreiheit. Es enthält zum einen die Garantie zu tun, was die Religion gebietet und erlaubt (solange es nicht mit grundlegenden Menschenrechten in Konflikt gerät). Zum anderen bedeutet es aber auch Freiheit von der Religion. Damit ist die Freiheit gemeint, areligiös zu sein, die religiösen Gebote nicht zu befolgen und ohne den Zwang, religiöse Institutionen anzuerkennen oder religiöse Zeremonien und Verpflichtungen anzunehmen, im Besitz aller Bürgerrechte zu sein.

Was Freiheit der Religion angeht, wird in Israel die liberale Tradition des Osmanischen Reiches und des britischen Mandats fortgeführt. Alle religiösen Glaubensrichtungen und Gruppen besitzen Glaubens- und Kultusfreiheit. Was die Freiheit von der Religion angeht, so weicht Israel von rechtsstaatlichen Grundsätzen ab. Es gibt in Israel für Juden (und auch für Muslime und Christen) keine Möglichkeit zur Zivilehe, sondern nur eine religiöse, staatlich anerkannte Eheschließung und Ehescheidung. Im Ausland geschlossene Zivilehen werden allerdings anerkannt. Dies ist nicht nur eine Verletzung der Gewissensfreiheit für Atheisten und Agnostiker, sondern auch eine schwere Beeinträchtigung der Grundrechte von Juden, die in bestimmten Fällen nach der Halacha nicht heiraten dürfen.

Die Monopolstellung der jüdischen Orthodoxie und die legale Nichtanerkennung der Konservativen und Reformströmungen des Judentums verletzen die liberaldemokra-tische Grundregel von der Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger vor dem Gesetz. Konservative Rabbiner und Reformrabbiner können weder legale Ehen schließen noch Scheidungen vollziehen, noch können sie als Richter in den Rabbinatsgerichten oder als staatlich finanzierte Stadt- oder Militärrabbiner dienen. Sie bekommen auch keine staatliche finanzielle Unterstützung für ihre Gehälter oder den Bau ihrer Synagogen. All diese Kosten werden bei den Orthodoxen in voller Höhe vom Staat übernommen. Auch Frauen sind nach religiösem Gesetz, das in Fragen der Ehe und Ehescheidung Staatsgesetz ist, nicht gleichberechtigt. Sie haben weder Zugang zum religiösen Richteramt noch können sie als Zeuginnen in Rabbinatsgerichten auftreten.

Dementsprechend gibt es keine weiblichen Rabbiner, und Frauen sind in der Wahl der Rabbiner nahezu einflusslos. Auch andere von der Knesset verabschiedete religiöse Gesetze sind vom rechts-staatlichen Standpunkt problematisch, denn in einer liberalen Demokratie ist es ausgeschlossen, religiöse Ge- oder Verbote per Gesetz zu erzwingen.

Status Quo kennzeichnet Arrangements und Kompromisse in Sachen Staat und Religion. Obwohl der Status Quo vom Wortsinn her den gegenwärtigen Zustand beschreibt, ist er in diesem Zusammenhang eher dynamisch aufzufassen. Ein Brief, den die zionistische Führung des Landes an die ultraorthodoxe Partei Agudat Jisrael (AJ, hebr.; Vereinigung Israels) Anfang 1947 gerichtet hat, gilt als Anfang des Status Quo. In diesem versprachen der Sozialist Ben Gurion, der konservative „allgemeine Zionist“ Jizchak Grinbaum und der nationalreligiöse Rabbiner Jehuda L. Fishman, dass in einem unabhängigen Staat Israel der Schabbat der offizielle Ruhetag bleibt, dass in allen Staatsinstitutionen (zum Beispiel in der Armee) koscheres Essen ange-boten und die Autonomie der orthodoxen Schulen weiterhin gesichert sind. Eine weitere Zusage betraf die Gerichtsbarkeit des Rabbinats in Fragen der Eheschließung und -scheidung.

Den „Status Quo-Brief“ haben die zionistischen Führer geschrieben, um die ultraorthodoxe, antizionistische AJ (Agudat Jisrael) im politischen Kampf um die Staatsgründung zu gewinnen. Seitdem kamen weitere Kompromisse hinzu (zum Beispiel die Befreiung der Ultraorthodoxen von der Wehrpflicht oder das Verbot öffentlicher Verkehrsmittel am Schabbat – mit Ausnahme der Städte Haifa und Elat, wo auch weiterhin – im Rahmen des Status Quo – öffentlicher Verkehr am Schabbat zugelassen ist).

Der Grund für den Status Quo-Kompromiss war, einen „Kulturkampf“ zwischen Orthodoxen und Nicht-Orthodoxen zu verhindern und so Stabilität und inneren Frieden zu sichern. In diesem Sinne akzeptiert die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung auch heute den Status Quo. Ein wichtiger Bestandteil dieses Kompromisses sind Mechanismen für die Lösung von Konflikten. Lokalisierung ist eine solche Technik: Der Umgang mit einem Problem wird nicht zentral verordnet, sondern jede lokale Behörde versucht eigenständig, das Problem zu lösen. Beispielsweise variiert die Schließung von Straßen (ein Verlangen der
Ultraorthodoxen) oder die Öffnung von Kinos (eine Forderung der Weltlich-Liberalen) am Schabbat von Stadt zu Stadt, oft auch von Stadtteil zu Stadtteil, je nach der Zusammensetzung der Bevölkerung und der Stärke der orthodoxen und liberalen Parteien. Die Verschiebung der Entscheidung vom Zentrum zur Lokalbehörde vermeidet eine „totale“ Kollision beider Lager, indem sie einen großen Konflikt in mehrere „kleinere“ Konflikte aufteilt. Die Kooperation der orthodoxen Nationalreli-giöse und Charedim) und nicht-orthodoxen (Weltliche, Liberale, Traditionelle) Eliten ist eine weitere Technik des Status Quo, um einen „Kulturkampf“ zu umgehen. Danach ist die orthodoxe Minorität an fast allen nationalen und lokalen Koalitionen beteiligt. Es bedeutet auch, dass die nicht-orthodoxe Mehrheit die Autonomie der Orthodoxen und Ultraorthodoxen in Erziehung und religiösen Fragen respektiert. Ein stilles Einvernehmen gewährt in einigen sensiblen Fragen (zum Beispiel bei der Gesetzgebung zur Ehe und Ehescheidung) den Orthodoxen ein Minderheiten-Veto. Zwar sichern einige der wichtigsten Regeln einen stabilen Rahmen wie zum Beispiel die Einhaltung der religiösen Speisegesetze (Kaschrut) in öffentlichen Institutionen (zum Beispiel der Armee), doch gibt es eine Reihe von Änderungen im Status Quo sowohl in Richtung Orthodoxie als auch in Richtung Liberalität.

Nach israelischem Gesetz haben alle vom Staat anerkannten religiösen Gemein-schaften autonome, vom Staat finanzierte Institutionen (zum Beispiel die religiösen Gerichte der Juden, Muslime und Drusen). Rabbiner und Imame, Dajanim (jüdische religöse Richter) und Kadis (muslimische religiöse Richter) sind Staatsbeamte. Die anerkannten religiösen Gemeinschaften sind die der Juden, Muslime, Drusen, Bahai und verschiedener christlicher Kirchen.

Die wichtigsten jüdischen Institutionen:

• Das Oberrabbinat,
Es hat zum einen die Funktion als Oberstes Rabbinat, das den lokalen Rabbinaten vorsteht, zum anderen ist es Oberstes Rabbinatsgericht und Appellationsinstanz für die Regionalgerichte. (…)

• Die lokalen Rabbinate, die für alle religiösen Fragen in den Städten und Gemeinden verantwortlich sind. Die religiöse Führung der Gemeinde ist eine
Aufgabe der vom Staat besoldeten lokalen Rabbiner. Ihre Kompetenzen sind im Gesetz nicht genau definiert. In der Praxis entscheiden sie in lokalen religiösen
Fragen, beaufsichtigen die Synagogen und vertreten die Belange der orthodoxen Bevölkerung gegenüber Stadt und Gemeinde. Die lokalen Rabbis verfügen über beträchtlichen politischen Einfluss, weshalb es des öfteren einen heftigen Kampf zwischen den orthodoxen Parteien (…) um deren Kontrolle gibt.

• Die Rabbinatsgerichte, deren Richter vom Staatspräsidenten ernannt werden, haben die alleinige Kompetenz in Fragen der Eheschließungen und vor allem der
Ehescheidungen. Wenn beide Seiten zustimmen, können auch Erbschaftsfragen von den Rabbinatsgerichten entschieden werden. Sie urteilen nach der Halacha,
sind aber in Fragen ihrer Kompetenz dem Obersten Gericht unterstellt.

• Die Religiösen Räte, die in jeder Gemeinde für religiöse Belange (beispielsweise Synagogen, Friedhöfe, religiöse Speisegesetze in Restaurants und Hotels sowie die Registrierung von Eheschließungen) verantwortlich sind. Die Räte sind politische Machtzentren, da sie über beträchtliche Budgets verfügen und viele
Arbeitsplätze vergeben. 45 Prozent ihrer Mitglieder werden vom Gemeinde- oder Stadtrat bestimmt, 45 Prozent vom Religionsministerium und zehn Prozent
werden vom lokalen Rabbinat ernannt. So ergibt sich sogar in völlig weltlichen Orten eine orthodoxe Mehrheit.

• Das politisch bedeutsame Religionsministerium sorgt landesweit für die
Finanzierung aller religiösen Gemeinschaften und Institutionen und kontrolliert deren Verwaltung. Das religiöse Erziehungssystem ist von großer Bedeutung. Mehr als 30 Prozent aller Schulkinder besuchen religiöse Schulen. Etwa 20 Prozent der Kinder gehen auf staatlich-religiöse Schulen und zehn Prozent nehmen am Unterricht verschiedener ultraorthodoxer unabhängiger Schulen teil. Obwohl die staatlichen und die unabhängigen orthodoxen Schulen voll vom Staat finanziert werden, sind sie im Grunde autonom in der Gestaltung des Lehrplans, in der Verwaltung und in der Anstellung von Lehrkräften. Das staatliche System ist fortschrittlicher in dem Sinne, dass dort neben religiösen Fächern auch „weltliche“ Geschichte, Literatur und Naturwissenschaften gelehrt werden. Dies ist in den unabhängigen ultraorthodoxen Schulen nicht gewährleistet, in denen die Kinder keine Ausbildung für das moderne Leben erhalten.

Rabbiner und Dajanim (jüdische religiöse Richter) und Kadis (muslimische religiöse Richter) sind Staatsbeamte Religionsfreiheit ist auch in Israel ein heikles Thema. Viele Israelis, die den Islam oder das Christentum als Religion angenommen haben, verschweigen diese Tatsache, um nicht Repressalien durch Behörden und Menschen in der eigenen Umgebung ausgesetzt zu sein. Viele jüdische Muslime haben damit ein Problem, sich zu outen. Sie müssen mit der Verstoßung aus ihren Familien, Verfolgung und Repressalien bis hin zu Attentaten durch fundamentalistisch-orthodoxe Juden rechnen.
Während also von Religionsfreiheit gesprochen wird, wird diese den eigenen Bürgern nicht wirklich zuerkannt. Israel soll eben nach dem Wunschdenken der Politiker des rechten Spektrums keine Demokratie sein, sondern ein jüdischer Staat.

Laut israelischen Ämtern kann ein Mensch bei gesundem Verstand keine andere Religion als das Judentum annehmen. Deshalb arbeitet die Regierung daran, die Zahl der Konvertiten so gering wie möglich zu halten. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Behörden in Israel auf konvertierte Juden einen erheblichen Druck ausüben, damit diese vom Islam oder Christentum zum Judentum zurück kommen. Die säkularen Juden sind immer öfter aufgeschreckt und beginnen sich gegen die Vorstellungen der Nationalreligiösen und Ultraorthodoxen zur Wehr zu setzen.

Einige Headlines aus verschiedenen Zeitungen der letzten Wochen:

  • Der israelische Religionsminister warnt angesichts wachsender Spannungen zwischen ultraorthodoxen und säkularen Juden vor einer Spaltung der Gesellschaft.
  • Israel wird den Säkularen zu religiös, viele Juden aus Israel wandern in die USA aus, weil die Ultrareligiösen immer grösseren Einfluss gewinnen.
  • Immer mehr Juden erkennen im Staat Israel den Feind des jüdischen Volkes. Sie gehen im Protest auf die Strasse, tragen palästinensische Fahnen und verbrennen die israelische Flagge.
  • Das jüdische Volk erwacht und erkennt das wahre Gesicht des Zionismus, seine Missachtung der Thora-Gebote ebenso, wie seine feindselige Haltung gegenüber allen Nichtjuden im allgemeinen und den Palästinensern im speziellen.
  • In Isreal gehen seit Wochen Hunderttausende für soziale Gerechtigkeit auf die Strasse. Die Proteste vereinen unterschiedliche Gesellschaftsgruppen.
  • Religiöse Eiferer gegen säkulare Demonstranten: Der Kampf um die Zukunft des Landes hat begonnen.

Wir sprechen hier nicht nur über ein Problem in Israel.

Zum Schluss noch einen kurzer Blick in die USA zu den Präsidentschafts-Wahlen der Republikaner:
Zitat NZZ: Rick Santorum: „Ich komme mit einem persönlichen Fazit zum Schluss: Fundamentalistische Orthodoxie unterscheidet sich unter den verschiedenen Religionen nur marginal.“

• antidemokratische diktatorische Durchsetzung von religiösen Geboten/Verboten
• massive Benachteiligung von Frauen
• massive Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen, die nicht zur vertretenen Ethnie oder Religion gehören
• Machtgehabe einer kleinen, nicht die Bevölkerungsmehrheit vertretenden Gruppe (Ultraorthodoxe in Israel ca. 10 %)

Der Staat Israel ist als Nationalstaat in einer schwierigen und kritischen Phase.
Zwischen Nationalstaat und „Israel ist keine Nation ausser in seiner Thora“. Wir sollten vermehrt die gemässigten, säkularen Anstrengungen unterstützen und uns nicht nur auf die Kritik der ultraorthodoxen Extremisten beschränken.

Eine klare Trennung von Religion und Staat und dadurch eine säkulare Gesellschaftsordnung sind von grösster Bedeutung in sämtlichen Gesellschaften (auch bei uns).

(Grundgerüst des Referats von Benyamin Neuberger)

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